
Beim Steinernen Jocko. Oder: Der Wächter der Brache.
Die kleine Brache erstreckt sich etwas eintönig und verlassen zwischen der Kreuzung Bismarckstraße/ Stader Straße und einem eingezäunten Spielplatz. Ein Areal an einer lauten und vierspurigen Verkehrsstraße. Ein paar hohe, knorrige Bäume mit ihrem kreuz und quer in den Himmel ragenden Astwerk markieren die Abgrenzung der Brache gegen einen zwischen Straße und Platz laufenden Geh- und Radweg. Den seitlichen und rückwärtigen Abschluss des ungenutzten Geländes bilden Gebüsch und Gestrüpp, ein Maschendraht-Zaun und Mauerreste. In der äußersten Ecke ein Schalthaus, mit Graffiti „verziert“.
Hier liegt die Haltestelle für den Bus der Linie 25, der stadtauswärts Richtung Bremen-Osterholz fährt. An einem Nachmittag steige ich hier mit meiner dreijährigen Enkelin aus, die ich bei den Eltern abgeholt habe. Über uns ein wolkenverhangener grauer Himmel, trübes Wetter. Während ich den Kinderwagen für den kurzen Fußweg zu mir nach Hause richten und in die Spur setzen will, hat die kleine Marie etwas entdeckt. Sie fasst meine Hand und zieht mich energisch rüber zu dem mit Herbstlaub bedeckten Platz.
„Jocko, hier bin ich!“ ruft sie und läuft zu der Skulptur, die etwas zurückgesetzt am Eingang der Brache steht. Eine gedrungene Figur aus Beton, fest im Boden verankert, an der ich auf dem Weg zum Gottesdienst in der Alt-Hastedter Kirche sonntags oft achtlos vorbei gelaufen bin. Sie stellt einen Affen dar. Einen Schimpansen, der breit und gemütlich auf einem zweigliedrigen Sockel hockt und dem der Lärm und Staub der Straße nichts anhaben können.
Meine Enkelin hat daheim ihren geliebten und leicht zerzausten Steiff-Affen namens Jocko, mit dem sie spricht und beim Frühstück ihr Müsli teilt. „Der hier ist Jockos Papa“, erklärt mir die Dreijährige jetzt und fragt: „Können wir ihm etwas geben? Ich glaube, er friert.“ Ich löse meinen Schal, den sie dem Schimpansen fürsorglich um die Schulter legt. Winkend verabschieden wir uns: „Tschüss, Jocko.“
Wenn meine Enkelin zu mir kommt, gehen wir bei gutem Wetter zum Spielplatz. Dabei machen wir auch einen Abstecher zu „Jockos Papa“, der uns jedesmal etwas zu erzählen hat: Wie er die weite Reise aus seiner Heimat über Land und Meer nach Bremen geschafft und welche Abenteuer er unterwegs bestanden hat. Wie er hier bei uns in der Stadt angekommen ist und Arbeit als Wächter der Brache gefunden hat. Manchmal bringen wir ihm ein paar Nüsse oder getrocknete Bananenscheiben mit, die wir auf den Sockel legen. „Ich bin doch deine Freundin“, versichert Marie dem Schimpansen.
Anmerkung: Eine ältere Dame aus dem anliegenden Wohnquartier, die ihren Hund spazieren führte und aufmerksam wurde, wusste zu berichten, dass der steinerne Affe dort an seinem Platz seit mehreren Jahren steht. Er sei dort von heut auf morgen, quasi über Nacht, von Unbekannt aufgestellt worden.
